QUELLE: ADIDAS PRESS

Text: Angelique Kerber // Fotos: Stefan Hobmaier

Die Fachwelt forscht schon länger nach den Ursachen für ihre tolle Leistung. Dabei ist es doch am einfachsten, man lässt die Porsche-Markenbotschafterin selbst zu Wort kommen – und staunt über ihre Antworten. Angelique Kerber sagt, dass der Weg an die Spitze lang und steinig sein kann. Man muss immer an sich glauben und darf nie aufgeben. Erfolg gibt es nur durch harte Arbeit, man braucht Talent und auch Gluck. Und abseits des Platzes braucht man Dinge, die einem Sicherheit geben, Stützen, auf die man sich verlassen kann. Was ist ihr wichtig? 

Meine Familie

Jeder, der ständig im Tenniszirkus weltweit unterwegs ist, sehnt sich nach einem Rückzugsort. Ich bin dankbar, meine Familie zu haben. Meine Mutter Beata, meine Schwester Jessica und meine Grosseltern sind mein grosser Rückhalt. Sie erden mich, geben mir den Raum, um wieder aufzutanken. Manchmal muss ein Telefonat reichen, schöner ist es, wenn wir uns sehen. Trösten, aufmuntern, beruhigen oder auch einfach in Ruhe lassen – sie finden immer die richtigen Worte und wissen, wie sie mit mir umgehen müssen.

Mein Team 

Ein Trio mit Herz und Leidenschaft ist immer an meiner Seite und begleitet mich ständig auf der Tour. Allen voran natürlich mein Trainer Torben Beltz. Den Grossteil meiner Karriere konnte ich mich auf ihn verlassen. Er kennt mich wie kein Zweiter, und umgekehrt kenne ich nur wenige Menschen, die so positiv durchs Leben gehen und ihren Job so leidenschaftlich betreiben. Dazu kommen die Unverzichtbaren – meine Physiotherapeutin Cathrin Junker und mein Manager Aljoscha Thron.

Mein Energiehaushalt

Speicherplätze sind begrenzt, weshalb ich sehr darauf achte, dass mein Energiehaushalt nicht in Schieflage gerät. Zum einen hängt er mit der Ernährung zusammen. Ich habe keinen konkreten Plan, ernähre mich aber gesund – mit allen kleinen menschlichen Schwächen. Ich esse auch mal Fisch, obwohl er nicht gerade zu meinen Favoriten gehört. Das ist dann sozusagen der Ausgleich dafür, ab und an der Versuchung von Pfannenkuchen mit Eis zu erliegen. Ganz wichtig ist auch die Regeneration. Ich laufe zum Ausgleich immer wieder und schwimme. Als Kind war ich ja eine richtig gute Schwimmerin.

Mein Lesestoff

Offenbar reichen mir aufregende Matches für den grossen Kick allein nicht aus. Ich habe unterwegs immer ein Buch dabei, lese Romane – aber meine Lieblingslektüre sind Thriller. Gerade lese ich „Das Paket“ von Sebastian Fitzek. Meine persönliche Entspannung, inklusive Gänsehaut.

Mein Rhythmus

Musik gehört zum Geschäft, das ist praktisch bei allen Spielerinnen so. Aber wir gehen nicht alle gleich damit um. Die finale Vorbereitungsphase beginnt so eine Stunde vor dem Match. Dann stecke ich meine Kopfhörer ins Ohr und höre Musik. Die aktuellen Charts, R&B, alles durcheinander. Ich versuche damit, die Umwelt komplett auszublenden und mich auf meine Aufgabe zu fokussieren. Um sich hoch zu pushen, wird bei vielen Spielerinnen mit der Zeit der Rhythmus immer härter. Bei mir ist es genau umgekehrt. Je näher das Match ruckt, je ruhiger wird die Musik.

Mein Ich-Tag

Eine schöne Vorstellung, die sich leider immer seltener umsetzen lässt. Die Verpflichtungen abseits des Tennisplatzes haben gelinde gesagt zugenommen. Aber wenn ich mal einen Tag frei und ganz für mich habe, dann gehe ich mit Freunden Kaffee trinken oder ins Kino. Und ich liebe Musicals. König der Löwen, Tarzan, Mamma Mia! – ich weiss gar nicht mehr, wie viele ich schon gesehen habe. Aber am besten gefällt mir daran, einfach mal ausgehen zu können wie jeder andere Mensch auch.

Mein Glücksbringer

Ich bin nicht abergläubisch. Aber meine Grosseltern haben mir vor Jahren ein Armband geschenkt, ich habe es immer dabei. Trotzdem trage ich es nicht immer während des Matches. Warum ich es mal trage und mal in der Sporttasche verstaue, weiss ich gar nicht. Das passiert eher intuitiv. Seit ein paar Jahren hat das Armband einen Partner: eine Kette, die ich in New York gesehen habe. Sie gefiel mir, und ich habe sie gekauft.

Mein Aha-Moment

Manchmal passieren die Dinge mit Verzögerung. Bei den US Open 2016 wurde mir die Frage nach der Nummer eins ja dauernd gestellt. Kurz vor dem Halbfinale gegen Caroline Wozniacki stand plötzlich fest, dass ich tatsächlich die Nummer eins werde. Aber ich habe das nicht wahrgenommen, es drang nicht zu mir durch. Erst nachdem ich Caro geschlagen hatte, wurde mir plötzlich bewusst: Angie, du bist die Nummer eins, du gehörst da hin. Es war ein ganz neues Gefühl.

Mein Schläger

Mein Arbeitsgerät besitze ich in mehrfacher Ausfertigung. Bei jedem Match habe ich vier, fünf meiner Yonex-Schläger dabei, die sich aber – sieht man vielleicht von der Dauer der Bespannung ab – nicht unterscheiden. Manche Kolleginnen wechseln den Schläger im Match dann, wenn mit neuen Bällen gespielt wird oder wenn es nicht läuft. Ich wechsle den Schläger selten. Es hängt ein bisschen davon ab, wie ich mich fühle. Aber ein Schlägerwechsel gehört bei mir nicht zum festen Repertoire eines Matches.

Meine Fanpost

Wann immer es die Zeit auf Reisen erlaubt – Wartephasen, Trainingspausen, abends im Hotel – versuche ich, die Nachrichten und Kommentare der Fans in den sozialen Netzwerken zu lesen. Ich freue mich immer wieder, wie viele Fans meine Karriere verfolgen. Sie begluckwünschen mich, sie leiden mit mir, muntern mich auf – das tut schon gut.

Mein Optimismus

Der ist bei mir gesund und munter. Mit jedem Sieg steigt ja das Selbstvertrauen. Und wenn du einige Matches hintereinander gewonnen hast, ist es auch leicht, optimistisch zu sein. Anders ist das, wenn es mal nicht so läuft. Auch da muss man optimistisch bleiben, sich manchmal sogar dazu zwingen. Denn ohne Optimismus geht es nicht.