TEXT: Daphne Chaimovitz

Der Film «Moonlight» zeigt eine andere Seite von Miami, die man bei Ferien am South Beach nicht mitbekommt. In 110 Minuten erzählt der Regisseur Barry Jenkins die Geschichte eines kleinen Jungen. Gegliedert in drei Kapitel werden die prägendsten Momenten im Leben von Chiron als Kind, Jugendlicher und Erwachsener gezeigt.

In ärmlichen Verhältnissen wächst der kleine Chiron bei seiner Mutter, einer drogensüchtigen Prostituierten, auf. Sie schert sich nur um sich selbst und kriegt kaum mit, dass ihr Sohn in der Schule gehänselt und geschlagen wird. Selbst wenn, ist es seine Schuld, denn er soll sich wehren wie ein richtiger Mann.

I. Little

Als Chiron genannt Little wieder mal von der Schule nach Hause gejagt wird, rettet ihn der junge Mann Juan. Mit der Zeit freunden sie sich an und Chiron lernt zum ersten Mal in seinem Leben, wie es ist sich auf jemanden zu verlassen. Ausser ihm hat er nur seinen Schulfreund Kevin.

Juan lehrt ihn das Schwimmen und bringt den in sich gekehrten Jungen langsam zum Sprechen. Selbstverständlich ist die Mutter alles andere als glücklich über diese neue Freundschaft, die ihrem Sohn ein wenig Selbstvertrauen gibt. Little findet erst später heraus, dass Juan mit dealen sein Geld verdient und auch seine Mutter mit Drogen versorgt. Für einen Moment bricht er mit ihm.

II. Chiron

Als Teenager ist er immer noch der Punchingball und setzt sich nicht zur Wehr. Juan ist gestorben und somit hat Chiron nur noch seinen Schulfreund Kevin. Der gibt ihm den Spitznamen «Black», was Chiron überhaupt nicht gefällt. Als die beiden Freunde an einem Abend am Strand über diesen Spitznamen reden, kommen sie sich näher. Chiron geht beschwingt und verliebt nach Hause.

Am nächsten Tag zwingt die Mobbing-Gruppe Kevin, Chiron so lange zusammenzuschlagen, bis er nicht mehr aufsteht. Das ist zu viel für Chiron. In der nächsten Unterrichtsstunde schlägt er dem Anführer einen Stuhl über den Kopf und wird verhaftet.

III. Black

Was aus Chiron geworden ist, erfährt man im letzten Teil des Films. Man erkennt ihn kaum wieder. Aus dem schlaksigen, unscheinbaren Jungen ist ein muskulöser Mann geworden, der sich von nichts und niemandem etwas gefallen lässt. Er ist selbst Drogendealer, nennt sich «Black» und hat viel von Juans Auftreten übernommen. Mittlerweile wohnt er in Atlanta. Die Tage in seinem Leben ziehen nur so dahin, bis eines Nachts Kevin anruft und sich entschuldigt. Am darauffolgenden Tag besucht er seine Mutter in der Entzugsklinik, wo es zu einer Art Aussprache kommt. Dies gibt ihm die Kraft und den Mut, sich ins Auto zu setzen und nach Miami zu Kevin zu fahren.

Kevin ist mittlerweile Koch und arbeitet in einem Diner. Das Wiedersehen verläuft herzlich, wenn auch ein bisschen unsicher. Jeder erzählt, wie es ihm in den letzten Jahren so ergangen ist. Kevin hat ein Kind, lebt aber allein. Dass Chiron ein Dealer ist, schockiert ihn sehr. Weil es schon spät ist und Chiron getrunken hat, lädt Kevin ihn zum Übernachten ein. Als sie sich in der Küche gegenüberstehen, gesteht Chiron, dass ihn seit jenem Abend am Strand niemand mehr berührt hat. Der ganze Schmerz über den Verlust der ersten grossen Liebe und der Freundschaft steht diesem wahnsinnig muskulösen Mann ins Gesicht geschrieben. Es bricht nicht nur Kevin, sondern wohl jedem Zuschauer, das Herz. Nach so langer Zeit wird Chiron endlich wieder in den Arm genommen und getröstet.

So endet die traurige Geschichte über den kleinen Jungen Chiron, der sich Respekt verschaffte, in dem er zu etwas wurde, was er nie werden wollte – ein Drogendealer. Aber der Wunsch nach Trost und Liebe war grösser, weshalb er sich auf den Weg zu Kevin machte. Manchmal bedarf es nur einer ernstgemeinten Entschuldigung, dass Freunde wieder zueinander finden. Auch wenn der Film harte Kost ist und Stereotypen aufzeigt, gibt er doch Hoffnung.