Wir haben nur eine Identitätskarte und eine Eintrittsbewilligung für das Gefängnis dabei. Eine Stunde später erreichen wir den ersten Sicherheitsring des Gefängnisses. Dieser Sicherheitsring wird von Soldaten bewacht. Für weiteren Schutz sorgt ein grosser Zaun und eine riesige Türe. 

Wir stellen uns dem Militär vor und weisen uns aus. Da die Bewilligung des Generals der IV-Brigade noch erteilt werden muss, blieb uns nichts anderes übrig, als vor dem Eingang zu warten. Nach langen Diskussionen am Telefon haben wir die Erlaubnis dann doch noch erhalten. Was uns aber niemand gesagt hat: Die Kopiermaschine befindet sich in der Direktion des Gefängnisses, wo sich Pablo Escobar und seine Männer (wie wir später erfahren werden) immer aufhielten. Nachdem wir die Besucherregister des Militärs erhalten haben, bekommen wir am Unterarm einen unsichtbaren Stempel. Dieser wird nur durch ein Schwarzlicht sichtbar. 

Die Soldaten öffnen die Tür und lassen uns in den nächsten Sicherheitsring rein, welcher von den Polizisten bewacht wird. Auch hier werden wir überprüft und erhalten einen weiteren unsichtbaren Stempel auf den anderen Unterarm. Nachdem wir auch das Besucherregister von der Polizei erhalten haben, öffnen sie das grosse Gitter und die Eingangstüren zur „La Catedral“. Die Polizei hat uns noch mitgeteilt, dass wir das Gitter besser nicht anfassen sollten. Es steht nämlich permanent unter Strom. 

Als wir den Sicherheitsring passieren, werden wir vom Gefängnisdirektor Jorge Pataquiva empfangen. Für seinen Schutz sorgen Polizisten, welche mit Maschinengewehren (Galil) und Granaten ausgerüstet sind. Diese Polizisten bilden die Elitetruppe, welche von der USA und den Britten ausgebildet wurde. Der Direktor weiss bereits, dass wir Funktionäre der kolumbianischen Staatsanwaltschaft sind. Zusammen mit ihm werden wir vom zweiten Sicherheitsring mit einem Jeep zum Gefängnis „La Catedral“ gebracht. Er hat uns während der Fahrt beruhigt und uns gesagt, dass sich Pablo Escobar im Garten des “Gefängnisses” befindet. Es ist alles ruhig und wir müssen uns keine Sorgen machen. Wenn mich jemand in diesem Moment fragen würde, ob ich Angst gehabt habe: Ja, ich habe grosse Angst gehabt. Es war im ganzen Land bekannt, dass jede Begegnung mit Pablo Escobar problemlos die letzte Begegnung gewesen sein könnte. Damals sind alle Richter, Funktionäre, Kriminalbeamte, Polizisten, usw. (welche eine Untersuchung oder ein Verfahren gegen Pablo Escobar geführt haben), ermordet worden. 

Als wird das Gebäude dann erreichen, werden wir von einer Person empfangen. Direkt vor uns stand er: Der gefährlichste Drogenbaron der Welt. Er hat eine Jeanshose und einen grünen Pullover an. Zudem sieht er extrem gepflegt aus, was für einen Gefangenen nicht selbstverständlich ist. Für seinen Schutz sorgen vier Wachen der INPEC, welche ebenfalls schwer bewaffnet sind. 

Pablo Escobar kommt zu uns und begrüsst uns mit unseren Namen: «Buenos dias señor y señora, desde ayer los estabamos esperando» (wir haben seit gestern auf Euch gewartet). Wir waren in diesem Moment geschockt. Unser Auftrag war geheim und nur wenige Menschen wussten davon. Für uns bedeutete das, dass das Drogenkartell alles über uns wusste. Die Begrüssung von Pablo Escobar sollte bedeuten: Wir haben die Kontrolle. Sie sind hier, weil wir es erlauben. Sie sind am Leben, weil wir es so wollen. Pablo Escobar hat uns damit aufgezeigt, wie die Hierarchie hier ist. In diesem Moment haben wir keine Zeit um mit Pablo Escobar zu diskutieren um herauszufinden, was er von uns wusste. Wir müssen schnell reagieren und keine Angst zeigen. Wir ignorieren diesen Satz bei der Begrüssung und begrüssen Pablo Escobar ohne weitere Bemerkungen zu machen. Anschliessend begeben wir uns mit dem Direktor in sein Büro (Direktion des Gefängnisses). 

Pablo Escobar und seine Bewacher sind immer in unserer Nähe. Wir sprechen mit dem Direktor und erklären ihm, dass wir die Besucherregister anschauen und kopieren wollen. Weshalb wir dies machen, haben wir aber nicht gesagt. Nach einer kurzen Gesprächspause sagte Pablo Escobar in einer höflichen Art: „Wir wissen seit gestern, was Ihr Auftrag hier ist. Machen Sie einfach Ihre Aufgaben. Ich möchte aber, dass Sie folgendes Wissen: Ich habe mit dem Präsidenten von Kolumbien eine Vereinbarung unterschrieben. Ich bin freiwillig in diesem Gefängnis. Meine Männer sind freiwillig hier. Diese Abmachung hat höchste Priorität für Kolumbien. Seit wir hier sind, lebt das kolumbianische Volk in Frieden. Wir wissen aber auch, dass diese Vereinbarung viele Feinde hat, welche diesen Friedensprozess zerstören wollen“. 

Die Stimme von Pablo Escobar war ruhig und kontrolliert, sie machte aber den Zuhörern grosse Angst. Wir sagen zu Pablo Escobar, dass unsere Abteilung das weiss und dass wir mit dieser Vereinbarung ebenfalls zufrieden sind. Wir wurden dann von Pablo Escobar zum Essen eingeladen. Diese Einladung haben wir aber dankend abgelehnt. Dann sagt er zu uns: „Aber Kaffee trinken Sie sicher?“ Sofort rennen zwei seiner Bewacher in die Küche und bereiten den Kaffee vor. In diesem Moment bemerken wir, dass der Direktor des Gefängnisses nur eine dekorative Figur ist. 

In „La Catedral“ wird gemacht, was Pablo Escobar befiehlt …