Auf seinem neunten Album «Libertad» macht sich der Rapper, Sänger, Komponist und Produzent von allen Erwartungen frei. Und liefert Songs, die die ganze Palette seines Künstlerdaseins abdecken.

Über Freiheit und die äusseren Faktoren, die sie bestimmen, wird derzeit viel diskutiert. Andres Andrekson alias Stress, seit bald zwanzig Jahren eine der bestimmenden Figuren der Schweizer Musiklandschaft, hat sie gefunden – in sich selbst. «Nach einer langen, düsteren Phase, habe ich mich innerhalb der letzten zwei Jahre langsam zurückgekämpft», erklärt der Künstler, der auf seinem letzten Album «Sincèrement» von 2019 offen über seine Depressionen sprach. «Ich habe erkannt, dass mein Glück in der Erkenntnis liegt, weder meinen noch irgendwelchen anderen Erwartungen entsprechen zu müssen. Die einzige Erwartung ist heute, emotionale Musik zu machen. Musik, die mich selbst bewegt». Davon liefert der 44-Jährige auf seinem neunten Album eindrücklich Zeugnis ab: «Libertad» bietet 14 Songs, die die gesamte Bandbreite dessen abdecken, was er in seiner Karriere an musikalischen Vorlieben entwickelt und kultiviert hat: kaltschnäuzige Raps, grosse Popsongs und Balladen, wuchtige Electro-Experimente, relaxte Feelgood-Tunes und Lieder, die auch als Gedichte bestens funktionieren würden. Stücke, die eigentlich nur zwei Dinge gemeinsam haben: ihren Urheber und ihren hochemotionalen Kern. Kein Track lässt einen kalt, jeder bewegt auf seine Weise. Sinnbild für das neuerlangte Gefühl von Freiheit ist das Fahrrad, das Stress als kleiner Junge besass: «Schon als Kind merkte man in Estland: Hier ist nichts zu holen und nichts zu wollen», erzählt Stress. «Freiheit kannten wir nur in den unbeschwerten Momenten auf unseren Velos. Darum hiess meines Libertad.» Ihm und damit auch der Gewissheit, sich von seiner Vergangenheit lösen zu müssen, ist der epochale Opener des Albums gewidmet. Untermalt vom kraftvollen Sound des Praha Orchestra entspannt Stress darauf sein Gleichnis von der Freiheit und vermittelt gleich im ersten Song eine Energie, die Ketten und ganze Ostblöcke zu sprengen vermag. Es folgt: ein Wahnsinnsduett mit Stefanie Heinzmann im Stil der Sixties («Just Like I Love You»), eine adrenalingetränkte Nachtfahrt mit Nahtoderfahrung («Nightmare»), eine grosse Sehnsuchtshymne an die vergangenen Zeiten mit den Jugendfreunden («Young» feat. Argyle), eine von Westküstenfeeling durchdrungene «Fenster runter, Anlage laut»-Nummer mit EAZ und Naomi Lareine («All In»), die bereits hunderttausendfach gestreamte Single «Bye» feat. Nacim und vieles, vieles, vieles mehr.

Gemeinsam mit den Produzenten Gabriel Spahni, Georg Schlunegger und Mykel Costa und Komponist Noah Veraguth ist es Stress gelungen, die bösen Geister zu verscheuchen und das womöglich beste Album seiner Karriere vorzulegen.

Photos: S. Agnetti